Was den Hochschwarzwald zum Reiseziel macht (2).

Über die Schwarzwaldbahn, die das Herz (nicht nur von Technikern) höher schlagen lässt, und das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen habe ich bereits berichtet. Was noch fehlt ist eine der schönsten Erfolgsgeschichten der Technik, die ihren Ursprung ebenfalls im Hochschwarzwald hat: Die Firma Junghans in Schramberg.

Aus der im Jahr 1861 gegründeten Fabrik für Uhrenteile wurde in gerade einmal vier Jahrzehnten der größte Uhrenhersteller der Welt – mit damals sensationellen 3.000 Mitarbeitern. Diesen Erfolg verdanke Junghans zahlreichen Innovationen, inspiriert zunächst von „kreativer Marktbeobachtung“: Abgeschaut von den ersten amerikanischen Uhrenherstellern fertigte Junghans ab 1867 standardisierte Uhrwerke, die Uhrmacher aus dem Schwarzwald nur noch mit Zifferblättern versehen und in dekorative Uhrengehäuse einbauen mussten. Ab 1876 ergänzten Wecker das Angebot der Schramberger, die die Produktion und den Umsatz weiter befeuerten.

Junghans-Weckerwerk 10, um 1890
(Quelle: ErfinderZeiten. Auto- und Uhrenmuseum Schramberg, CC BY-NC-SA)
Junghans-Erfolgsmodell: Wecker Nutmeg, um 1900
(Quelle: ErfinderZeiten. Auto- und Uhrenmuseum Schramberg, CC BY-NC-SA)

1928 kam die Produktion von Armbanduhren hinzu. Nach einem Ausflug in die Produktion von Zündern während des Nationalsozialismus kehrte Junghans 1946 wieder zu seiner Kernkompetenz zurück: der Produktion von Uhren. Mit 6.000 Mitarbeitern und täglich (!) 20.000 Uhren erreichte Junghans 1961 den Höhepunkt seines Erfolgs. Doch auch die Entwicklung der ersten deutschen Quarzuhr im Jahr 1971 konnte in den Folgejahren den Rückgang des Absatzes nicht kompensieren. Junghans setzte erneut auf Innovationen und stellte 1986 die erste funkgesteuerte Tischuhr vor.

Junghans-Funkuhr RC 2, 1986

Es folgten 1990 die erste digitale und 1991 die erste analoge Funkarmbanduhr. 1995 brachte Junghans eine weitere Weltneuheit auf den Markt: die erste Funkarmbanduhr mit Solarbetrieb. Und 2004 stelle Junghans die erste Multifrequenz-Funk-Armbanduhr vor. Auch diese Innovationen konnten den wirtschaftlichen Niedergang des deutschen Vorzeigeunternehmens nicht aufhalten, denn batteriebetriebene Armbanduhren, Wecker und Wanduhren wurden zu billigen Massenprodukten.

Erst mit der Rückbesinnung auf mechanische Präzisionsuhren unter einem neuen Eigner gelang Junghans ab 2009 ein Comeback: Eine Neuauflage der vom Bauhaus-Designer Max Bill in den 60er Jahren entworfenen mechanischen Armbanduhren – als Handaufzug, Automatik, Chronoscope und Funkuhr – brachte schließlich den Umschwung.

Junghans Chronoscope Max Bill (2023)

Im Juni 2018 wurde feierlich das Junghans-Uhrenmuseum eröffnet – im renovierten denkmalgeschützten Terrassenbau, errichtet 100 Jahre zuvor von Philipp Jakob Manz (1861-1936), in dem damals auf neun Etagen Fensterarbeitsplätze für hunderte Junghans-Uhrmacher untergebracht waren.

Terrassenbau von Philipp Jakob Manz, heute Junghans-Uhrenmuseum in Schramberg

Heute beheimatet das liebevoll wiederhergerichtete Gebäude eine riesige Uhrenausstellung – darunter 300 Uhren aus der Sammlung von Heinrich Engelmann. Seltene Holzuhren aus dem 17. und die Rekonstruktion einer Uhrmacherwerkstatt aus dem frühen 18. Jahrhundert eröffnen den Rundgang, der durch alle neun Etagen des Terrassenbaus verläuft.

Uhrmacherwerkstatt aus dem 18. Jahrhundert
Holzräderuhr mit Waagbalken (1640)
Pendeluhr mit Orgelpfeifen (um 1800)
Nachtwächter-Kontrolluhr (um 1850)
Treppenhaus des denkmalgeschützten Terassenbaus (2024)

Den nachhaltigsten Eindruck hat bei mir allerdings ein Exponat hinterlassen, das beweist, dass die Kritik an ungenügender Technikvermittlung in Schulen eine lange Geschichte hat: Anfang des 20. Jahrhunderts brachte Junghans den Bausatz „Tick-Tack!“ („Der kleine Uhrmacher“) heraus, mit dem Kinder eine funktionsfähige Jockele-Uhr konstruieren konnten.

Uhrenbausatz „Der kleine Uhrmacher“ („Tick-Tack!“), um 1900

Schon vor 125 Jahren traute man Kindern zu, die Funktionsweise einer Uhr durch deren Konstruktion zu be-greifen. Doch vermutlich gibt es heute noch weniger Kinder, die das Funktionsprinzip einer Uhr verstehen – oder gar erklären könnten. Wäre es da nicht längst an der Zeit für einen fischertechnik-Uhrenbaukasten?

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